The Harder They Come

Willkommen zum Classic Friday, der neuen Serie auf CeeNema.de, Eurem Lieblingsfilmblog. Jeden Freitag präsentieren wir Euch an dieser Stelle einen Streifen, der den Lauf der Welt auf die eine oder andere Weise verändert hat…

The Harder They Come

The Harder They Come

Starten wollen wir mit einer Produktion, die so sehr im Underground verhaftet ist, dass sie noch nicht einmal in einer deutschen Synchronfassung vorliegt. Dieser Film schwappte Anfang der 70er Jahre in die US-amerikanischen Lichtspielhäuser, als der sogenannte Midnight Movie schlaflose Studenten und neugierige Jugendliche zur Geisterstunde in die Kinos lockte. Lange vor Sneak Previews und DVD-Rekordern sorgte dieser Trend dafür, dass billig produzierte Low-Budget-Filme ein großes Publikum fanden und Stück für Stück in den Mainstream sickerten. So ist es der munteren Midnight Movie-Szene zu verdanken, dass Streifen wie die Rocky Horror Picture Show, Night of the Living Dead oder Eraserhead heute absoluten Kultstatus genießen.

Auch das Drama The Harder They Come stammt aus der Reihe der Mitternachtsfilme und verfehlte seine Wirkung beim Publikum nicht. Dabei dürften die wenigsten Zuschauer aufgrund der Handlung in die Kinosäle gepilgert sein. Sein Erfolg liegt vielmehr im Soundtrack begründet, der binnen weniger Wochen die folklorischen Töne einer Karibikinsel namens Jamaica in die Gegenwart der westlichen Popkultur katapultierte…

„Erst kam ‚The Harder They Come‘, dann kam der Reggae“, erinnern sich die Szenegänger der 70er Jahre an einen Film zurück, der das Bild der karibischen Inselnation bis zum heutigen Tag entscheidend prägt. Niemand geringeres als Musiklegende Jimmy Cliff spielt den jungen Ivanhoe „Ivan“ Martin, der von einer Karriere als Sänger träumt und dafür den Weg in die Hauptstadt Kingston antritt. Nach verschiedenen Anlaufschwierigkeiten findet er schließlich einen schmierigen Produzenten, der Ivan ausnutzt und für seine Arbeit nur sehr spärlich entlohnt. Desillusioniert beginnt der Musiker sein Geld mit dem illegalen Handel von Marihuana zu verdienen und gerät so in einen Wertekonflikt, der sein Leben zusehends erschwert…

Als Regisseur Perry Henzell 1972 die Arbeit an The Harder They Come beendete ahnte er nicht, welche unvergleichliche Welle er mit diesem Film auslösen würde. Zwar fand er schnell einen Vertriebspartner in den USA, doch die Firma New World des einflussreichen Roger Corman stand ziemlich hilflos vor dem ersten Spielfilm aus Jamaika. In ihren Händen hielten sie ein Sozialdrama einer verarmten karibischen Insel, die kaum keiner kennt und für die sich auch niemand so recht interessiert. Schließlich fiel der Entschluss, The Harder They Come als Variante der coolen Blaxploitation-Produktion Superfly zu positionieren – mit verheerendem Resultat. Der Film floppte an den Kinokassen und wurde schnell in die Spätvorstellungen verlegt, wo er eine unerwartete Renaissance erlebte.

Gefangen genommen von den rhytmischen Klängen des bis dato vollkommen unbekannten Reggae, meldeten die Midnight-Kinos bereits nach wenigen Tagen ausverkaufte Häuser! Die Zuschauer gierten nach der exotischen Filmmusik aus Jamaica und sangen bereits nach kurzer Zeit lauthals mit, wenn Jimmy Cliff in den ersten Sekunden des Films seinen legendären Hit und Titelsong You Can Get It If You Really Want anstimmt. Tatsächlich liest sich das Set der Interpreten, die ihre Songs zum Film beisteuerten, wie ein Who is Who des frühen Reggae. Von  Toots & the Maytals (Pressure Drop, Sweet and Dandy) über Desmond Dekker (Shanty Town), den Melodians (Rivers of Babylon) bis hin zu den Slickers (Johnny Too Bad) fehlt fast niemand der stilprägenden Künstler, die mit ihren Klassikern den Weg für einen gewissen Bob Marley ebneten…

Während Jimmy Cliff seine Schauspielkarriere folglich an den Nagel hing, um als Musiker den Reggae in die Welt zu tragen, geriet The Harder They Come schnell in Vergessenheit. Heute gilt der Film als eine Rarität auf VHS, die es (noch) nicht in das digitale Zeitalter geschafft hat. Erbarmt sich ein Programmkino oder Spartensender jedoch einmal The Harder They Come vorzuführen, sehen die Zuschauer mehr als einen gefeierten Musikfilm. Der Streifen ermöglicht einen tiefen Blick in die Seele der Karibik, den Stolz ihrer Menschen, ihre Zerrissenheit zwischen traditionellen Werten und bitterer Armut, der ewige Überlebenskampf zwischen Blechhütten und Prunkbauten, die Allgegenwart von Kriminalität, Drogen und Gewalt und ihrem Wiederspruch zur gelebten Religiosität. Er räumt auf mit den alten Bild des unschuldigen Paradieses und erlaubt einen Blick hinter die malerische Kulisse des perfekten Sandstrands.

Der Streifen ist dadurch noch lange kein depressives Drama. The Harder They Come versprüht in jeder Kameraeinstellung die Lebensfreude der Karibik, die sich und ihrem Kampf gegen die widrigen Umstände des täglichen (Über)lebens mit diesem Film eine Hymne gegeben hat: You can get it if you really want, but you must try, try and try, try and try, you’ll succeed at last.

Originaltitel: The Harder They Come
Studio/Verleih: International Films
Produktionsland: Jamaika
Erscheinungsjahr: 1972
Länge (PAL-DVD): 120 Minuten
Originalsprache: Englisch
Altersfreigabe: keine Angabe
Regie: Perry Henzell
Drehbuch: Trevor D. Rhone
Produktion: Perry Henzell, Jeff Scheftel
Musik: Jimmy Cliff, Desmond Dekker u.w.
Darsteller: Jimmy Cliff, Janet Bartley, Carl Bradshaw, Ras Daniel Hartman, Basil Keane, Robert Charlton, Winston Stona, u.w.

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1 Kommentar

  1. […] Harder They Come“, auf dem Soundtrack des gleichnamigen Films aus dem Jahre […]


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